Joachim Landgraf: Masterplan muss qualifiziert werden

Joachim Landgraf ist Verwaltungsdirektor des Anhaltischen Theaters Dessau. Er hält einen Theater-Zweckverband für unrealistisch und kritisiert, dass Akteure in die Erarbeiteung des Masterplans Kultur nicht eingebunden wurden.

Vorbemerkung: Dieses Material erhielt ich am 14. Oktober 2010 durch die Zusendung der Beigeordneten für Finanzen. Aus meiner Sicht bleibt festzustellen, dass es zu diesem Material für mich und auch insgesamt für das Anhaltische Theater keine Möglichkeit zur Beratung und Mitwirkung gab, da lediglich im Rahmen einer „Dienstberatung”, bei der der neue Kulturamtsleiter vorgestellt wurde, Schaubilder zur strukturellen Zuordnung der Bereiche der Stadt Dessau-Roßlau im Zusammenhang mit ausgewählten inhaltlichen Aspekten dargestellt wurden.

Insgesamt ist aus meiner Sicht festzustellen, dass es natürlich zu unterstützen ist, für die Stadt Dessau-Roßlau einen Masterplan Kultur zu erstellen. Das mir vorliegende Material kennzeichnet für mich erste Bemühungen. Für die Beratung in der Öffentlichkeit halte ich es für nicht geeignet, da es ein Konglomerat (leider z.T. auch unsortiert und nicht an Scherpunkten ausgerichtet) aus Materialien der Literatur, verschiedenen Statistiken und Zuarbeiten sowie eigenen Überlegungsansätzen von mehreren Verfassern darstellt. Für mich stellt ein Masterplan Kultur ein Planungsmaterial dar, in dem die mittel- und längerfristige Kulturell-künstlerische Entwicklung unserer Stadt Dessau-Roßlau erfasst wird und natürlich auch besondere Rahmenbedingungen, wie demografischer Wandel und Krisensituation der Kommunalfinanzen Berücksichtigung finden müssen. Es geht letztendlich darum, dass die Kulturpolitik unserer Stadt (im Rahmen der gesamtstädtischen Politik) nachhaltig zu Problemlösungen führen muss.

In einigen wenigen Abschnitten enthält das Material lediglich interessante Denkansätze.

Für mich wird nicht ersichtlich, inwieweit die Verfasser vorliegende Erfahrungen anderer Städte bei der Erarbeitung derartiger Masterpläne berücksichtigt haben. Eine kurze Internet-Recherche meinerseits ergab, dass beispielsweise die Stadt Oldenburg in umfänglicher Weise Erfahrungen mit der Erarbeitung eines Masterplanes Kultur sammeln konnte, die im Detail im Internet ausgewertet werden können.

Zu einigen Aspekten im Detail:

1. Die Kulturleitlinien auf Seite 7 und 8 sind aus meiner Sicht viel zu allgemein formuliert. Damit wird deutlich, dass es bereits bei der Bestimmung grundsätzlicher Zielrichtungen für die Entwicklung der Kultur in unserer Stadt keine ausreichende Klarheit gibt.

2. Es ist nicht verständlich, dass das Bauhaus, die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, das Anhaltische Theater und die Kurt-Weill-Gesellschaft an einigen Stellen nicht einbezogen werden und dann wiederum mit einer eigenwilligen Strukturierung im Teil 3.2. erfasst werden. Ein solcher Masterplan muss diese prägenden Einrichtungen unabdingbar durchgängig einbeziehen, weil sie letztendlich auch die Zielrichtungen der mittel- und längerfristigen Entwicklung der Stadt mitbestimmen.

3. Im Abschnitt 2.2. – Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Kulturelle Infrastruktur der Stadt Dessau-Roßlau – wird gleichfalls deutlich, wie Erkenntnisse aus der Literatur ohne ausreichenden Zusammenhang zur Situation in unserer Stadt betrachtet werden und damit die Aussagen im Fazit auf Seite 11 keinen Zusammenhang zu den davor stehenden inhaltlichen Literaturauswertungen darstellen.

4. Die exemplarischen statistischen Erfassungen im Abschnitt 2.3. beinhalten am Ende (Seite 15) fünf zusammenfassende Kernaussagen, die für mich ebenfalls eine notwendige Zielsetzung eines Masterplanes Kultur nicht widerspiegeln. So ist es für mich unwichtig, dass die Hochwassersituation im Jahr 2002 bei einigen Einrichtungen zum Besucherrückgang führte. Des Weiteren ist für mich normal, dass dem Charakter der dargestellten Kultureinrichtungen entsprechend die Zielgruppen in den Einrichtungen sehr unterschiedlich sind.

5. Im Teil 3 – Rahmenkonzept Kultur – werden zu Beginn auf Seite 17 zehn Besonderheiten beispielgebend genannt, deren Zusammenhang zu den folgenden Darstellungen völlig fehlt. Überlegungen hinsichtlich einer Untergliederung der Kulturell-künstlerischen Angebote unserer Stadt halte ich für interessant, wobei dazu natürlich entsprechende Diskussionen und Vertiefungen notwendig sind, um mittel- und längerfristige Zukunfts-entwicklungen charakterisieren zu können. Die Darstellung einzelner Einrichtungen unter den Punkten 3.2. und 3.3. scheint mir insbesondere hinsichtlich der Strukturvorschläge und der Entwicklung von Rechtsformen nicht ausreichend fundiert, da in der Mehrzahl Zuordnungen zum Land und die Gründung von Stiftungen (mit welchem Stiftungskapital?) eher Wünsche darstellen, die aus gegenwärtiger Sicht wenig Realisierungschancen haben. Wenn unter dem Punkt 6. ein Schlusswort formuliert ist, dann ist damit ebenfalls in der formulierten Verallgemeinerung nichts anzufangen. Es wäre dringend notwendig, konkretere weiterführende Arbeitsschritte festzulegen, die zur unbedingten Qualifizierung eines Masterplanes Kultur für die öffentliche Diskussion führen müssten.

6. Die Darstellungen zum anhaltischen Theater (S. 27/28) sind der Theaterleitung nicht bekannt. Spielorte/”räumliche Ansiedlung” sind mit gravierenden Erweiterungen benannt, ohne zu wissen, dass dazu keine bzw. nur äußerst eingeschränkte Realisierungsmöglichkeiten bestehen. Der Bezug auf Bernburg 1882 bis 1895 ist „humoresk” zu werten.

Die Trägerschaft durch einen Zweckverband ist unrealistisch. Die Feststellung, dass die Bewohner der Städte Bernburg, Köthen, Zerbst, Bitterfeld-Wolfen und Wittenberg sowie die Landkreise an der Gestaltung des Spielplanes und der künstlerischen Ausstrahlung des Theaters mitwirken sollen, ist Populismus und entbehrt der Realität. Die Handlungsempfehlungen auf Seite 28 sind z.T. unrealistische Wunschvorstellungen. Was mit Standardanpassung innerhalb des Theaters” gemeint ist, erschließt sich in keiner Weise.

Initiative „Land braucht Stadt” c/o Thomas Steinberg Mendelssohnstraße 2 06844 Dessau-Roßlau