Phillipp Oswalt: Unsinnig bis katastrophal

Dessau-Roßlau braucht noch mehr Kultur, zeigt Phillipp Oswalts kompakte Aufstellung von Vorschlägen aus dem Masterplan. Woran es nach seiner Ansicht fehlt, sind „intelligente Modelle der Strukturanpassung”.

Phillipp Oswalt ist Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Die vorliegende Stellungnahme stammt vom 10.11.2010.

1. Zur Arbeitsweise: Die Aufstellung des Masterplans (Arbeitsrichtung) erfolgte ohne der Großteil der Kulturakteure. Diese wurden auch bis heute nicht richtig informiert. So hat die Stiftung Bauhaus Dessau trotz Bitte bis kein Exemplar des Masterplans vom zuständigen Beigeordneten oder seinen Mitarbeitern erhalten. Seit Ende Oktober 2010 ist der Masterplan nun online veröffentlicht.

Ebenso gibt es bis heute keine Aussage zur weiteren Bearbeitung des Masterplans und ob – und falls wie – die Kulturakteure in dessen Entwicklung einbezogen werden. Die Öffentlichkeit ist zwar nun zu schriftlichen Stellungnahmen aufgefordert, doch ist unbekannt, wie mit diesen verfahren wird.

Das ist natürlich absurd: Die perspektivischen Pläne der Häuser finden keine Berücksichtigung und umgekehrt erhalten sie keine Möglichkeit, die Vorschläge des Masterplans zu kommentieren und ggf. zu qualifizieren. Wenig erstaunlich erweisen sich viele Aussagen als fachlich nicht fundiert und unsinnig bis katastrophal (etwa Zerschlagung der Sammlung der Anhaltischen Gemäldegalerie, Verlegung der Kurt-Weill-Zentrums in den Kristallpalast)

2. Die Definition des Kultursektors (Kulturbegriff) ist unsinnig: Soziokultur (Sport etc.) wird einbezogen, es fehlen aber freie Kultur, kommerzielle Kulturanbieter (z.B. Kino), Kulturwirtschaft und Baukultur, die einen wesentlichen Teil der städtischen Kultur ausmachen. Es fehlt auch die Behandlung des Kulturtourismus. Aussagen zu all diesen Bereichen fehlen völlig. Die freie Kulturszene auszusparen und zugleich auf stärkeres Bürgerengagement zu hoffen, ist paradox.

Angeblich werden Theater, Bauhaus, Weil l und Gartenreich wegen anderwärtiger Zuständigkeit weitestgehend ausgespart (S. 5), und dann aber doch nicht weniger ausführlich als anderes behandelt (S.23 – 28). Es wäre auch widersinnig, bei einem Masterplan Kultur die wichtigsten Kulturinstitutionen auszusparen.

3. Die Ausgangssituation ist unpräzise beschrieben (S. 17). Die demografische Entwicklung (S. 9ff.) wird als Hintergrund zwar breit (wenn auch z.T. falsch) dargestellt, es werden aber keine Schlussfolgerung daraus gezogen. Diese müssten etwa betreffen:

  • zurückgehende Anzahl von Kunden/ Nutzern
  • Alterung der Kunden/ Nutzer und sich damit verändernde Nachfrage
  • Notwendigkeit der regionalen Kooperation und Vernetzung
  • Prüfung der Möglichkeiten des Bürgerengagements vor dem Hintergrund des demografischen Wandels Überhaupt nicht behandelt werden bestehende und mögliche Kooperationen zwischen den Kultureinrichtungen und zwischen kulturellen Einrichtungen und Dritten (z.B. Schulen)

4. Die Gruppierung der Kultursphären in Hochkultur/ Regionalkultur und Bürgerkultur (S. 19ff.) ist im Prinzip sinnvoll. Allerdings werden hier Fragen kultureller Wertigkeit und Trägerschaft durchmischt. Die Zuordnung einzelner Einrichtung überzeugt nicht. Die Schlussfolgerungen aus der Zuordnung – insbesondere in Hinsicht auf Bürgerarbeit – sind nicht belastbar. Vieles fehlt hier aufgrund des benutzen Kulturbegriffs (siehe 2.)

5. Es gibt keine überzeugende Zielstellung und Profilierung. Die Leitlinien (S. 7/8.) kommen über Allgemeinplätze nicht hinaus. Doch gerade angesichts der Schrumpfung wäre ein klares Profil für die zukünftige Entwicklung dringend erforderlich.

6. Die einzige substantielle Aussage des Papiers ist es, Kulturaufgaben in großem Umfang auf Dritte – Land, Bund, Dritter Arbeitsmarkt und Private – zu verlagern, der jedoch jeden Realismus fehlen lässt. Die Aussagen hierzu sind schlichtweg unseriös, da sie nicht haltbare Erwartungen in der Stadt wecken und es vermieden wird, notwendige Diskussionen in der Stadt zu führen und Entscheidungen zu treffen. Insbesondere gegenüber dem Land werden die völlig unrealistischen und überzogenen Erwartungen die Verhandlungsposition der Stadt gravierend schwächen, zumal die Aussagen im Widerspruch zum gegenwärtigen Gesprächsstand zwischen Land und Stadt stehen.

Es wird trotz demografischer Schrumpfung ein stark expandierender Kultursektor vorgeschlagen. Dies wird sich so nicht umsetzen lassen. Es unterbleibt eine kritische Prüfung bestehender Angebote auf ihre Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit und die Suche nach intelligenten Modellen der Strukturanpassung.

Folgende Forderungen werden an Dritte erhoben:

a) Forderungen an das Land

  • Übernahme Teil Betriebskosten Meisterhäuser
  • Trägerschaft für das Theater
  • Trägerschaft für die Landesbibliothek und 50% Finanzierung
  • Co-Träger einer neuen Kurt Weill Stiftung
  • Co-Finanzierung des neu gegründeten „Anhaltischen Museum“
  • Finanzierung des neuen Landesmuseum für Technik und Industrie Hugo Junkers

b) Forderungen an den Bund

  • Übernahme Teil Betriebskosten Meisterhäuser
  • Co-Träger der Kulturstiftung Dessau/ Wörlitz und Beteiligung an der Dauerfinanzierung
  • Finanzierung der Kurt-Weill-Gesellschaft (50%), Co-träger einer neuen Kurt Weill Stiftung

c) Forderung für Bereich Dritten Sektor:

  • Finanzierung der gesamten städtischen Kultur, an der Land und Bund nicht beteiligt sind.

d) Forderung an private Dritte:

  • Finanzierung Kurt Weill Stiftung durch Deutsche und US-Amerikaner
  • Trägerschaft für das Technik Museum durch die Hugo Junkers Stiftung
  • Stiftungsvermögen für Stiftung Eisenkunstsammlung Ewald Barth, mit denen der zukünftige Betrieb finanziert werden soll

Vom Grunde ist es zwar richtig, für überregional wichtige Kultureinrichtungen von Land und Bund mehr Unterstützung einzufordern. Um hier erfolgreich zu sein, bedarf es aber eines realistischen und machbaren Konzeptes von inhaltlicher Qualität, die dem nationalen oder gar internationalen Anspruch entspricht. Ebenso erfordert es eine Übereinstimmung zwischen Kultur, Verwaltung und Politik. All dieses ist mit dem vorliegenden Papier nicht gegeben, so dass es für das Ziel, mehr Unterstützung von Land und Bund zu kommen, kontraproduktiv ist.

Folgende Kultureinrichtungen sollen neu geschaffen werden

Neugründungen:

1. Kurt Weill Stiftung (Bund, Land, Stadt)
2. Stiftung Eisenkunstsammlung Ewald Barth
3. Neue kulturelle Nutzung für Palais Dietrich (welche?)
4. Kultureller Träger für Kristallpalast (welcher?)

Neugründung durch Fusion und Expansion:

5. Landesmuseum für Technik und Industrie Hugo Junkers
6. Anhaltisches Museum

Folgende Bauvorhaben (ohne Schulen und Soziokultur) sollen realisiert werden:

1. Wiederaufbau Stadtschloss für Anhaltisches Museum (S. 30) bzw. Neubau Besucherzentrum für Weltkulturerbe und zentrale Ausstellungshalle (S. 46)
2. Umbau Schulgebäude Schlossplatz 4/5 für Depot (vorübergehende Nutzung)
3. Sanierung der Bauten auf dem Junkalorgelände für das neue Landesmuseum für Technik und Industrie Hugo Junkers
4. Wiederaufbau Kristallpalast für Kurt-Weill Zentrum
5. Ausbau Schultheißbrauerei für weitere Depotfunktionen (S. 53) bzw. Instandsetzung Schmiede Schultheißbrauerei für Stiftung Eisenkunstsammlung Ewald Barth oder Schadebrauerei oder Gebiet lange Gasse (S. 33).
6. Neubau Lange Gasse 19-21 für Erweiterung des Stadtarchivs oder Neubau bei der Schade-Brauerei
7. Neubau eines Multifunktionsgebäudes bei der Schade-Brauerei für Stadtrachiv, Landesbibliothek und diverse Sammlungen/Archive
8. Sanierung / Umbau alter Wasserturm
9. Sicherung und Sanierung Burg Roßlau (anscheinend finanziert)
10. Umbau Kaufhaus Roßlau für Landesbücherei
11. Sanierung Mausoleum

Für die Bauvorhaben 1- 8 sind die Baukosten und die Finanzierung gänzlich unbekannt. Für alle Bauvorhaben wird die Frage der Finanzierung des zukünftigen Betriebs nicht behandelt. Zum Teil bleibt selbst die Frage der Trägerschaft (etwa Besucherzentrum Schlossplatz) im unklaren. Unverständlich ist zudem, dass der Masterplan Kultur sich im wesentlichen auf bauliche Maßnahmen fokussiert, dann aber nicht in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Dezernat VI entwickelt wurde.

Trotz des großen Fokus auf die Immobilien wird die sinnfällige Behandlung weitere Bauhausbauten im städtischen Besitz (insbesondere Arbeitsamt, Törten) nicht behandelt.

Im Zentrum eines Masterplans Kultur sollten zunächst kulturelle Inhalte stehen. Diese sind für die Bauvorhaben nicht entwickelt und formuliert. Zugleich ist völlig klar, dass ein Großteil der Bauvorhaben in absehbarer Zeit nicht realisiert werden kann. Um so wichtiger wäre zu klären, welche Vorhaben von besonders strategischer Bedeutung sind und (als erstes) zu entwickeln sind. Für diese müsste ein inhaltliches Konzept, eine Trägerschaft, eine Kostenschätzung und belastbares Finanzierungskonzept sowie ein Betreibungskonzept incl. Finanzierung formuliert werden. Angesichts der Haushaltslage der Stadt erscheint es im Moment nicht realistisch, Ideen für neue zusätzliche kulturelle Angebote zu entwickeln, deren Betrieb von der Stadt zusätzlich zu bestehenden Aufgaben finanziert werden müssten.

Initiative „Land braucht Stadt” c/o Thomas Steinberg Mendelssohnstraße 2 06844 Dessau-Roßlau